Trauerarbeit
Die Fähigkeit zu Trauern ist wahrscheinlich der Beginn unseres Menschseins. Abschiednehmen wir immer wieder, ob wir wollen oder nicht. Pubertät ist Abschied von der Kindheit. Midlife Crisis, ist Abschied von einem sehr wichtigen Mittelabschnitt unseres Lebens. Dazu kommen die Abschiede von den Eltern, den Freunden und der Abschied von körperlichen oder geistigen Fähigkeiten.
Obwohl dies eine nicht zu verändernde Tatsache des Lebens ist, ist die Fähigkeit, so Abschied zu nehmen, dass ein Neubeginn möglich wird, nicht sehr verbreitet.
Ausbildungen in Indien und anderen Kulturen, sowie eine Ausbildung in Trauer und Sterbebegleitung bei Prof. Kanacakis und eine jahrelange Tätigkeit, als Intensivmediziner, haben mich, auch im Zusammenhang mit dem eigenen Schicksal, viel gelehrt. In den Familienseminaren, aber auch bei speziell organisierten Trauergruppen und vor allem in der Einzelarbeit, biete ich nun diese Erkenntnisse, sehr persönlich an. Vor allem in der Einzelbetreuung können so die tiefsten Dimensionen der Trauer ausgelotet werden. Auch die entscheidende Frage nach dem Sinn, all dieser oft erschreckenden Erlebnisse, sollen liebevoll behandelt und begleitet werden. Darüber hinaus besteht auch eine Möglichkeit zur Telefonberatung und zur weiterführenden E-Mail Brücke.
Die Fähigkeit zu trauern, ist eine zu tiefst menschliche Erfahrung. Die Trauerfähigkeit ist die Vorraussetzung für einen Neubeginn.
In unserer Zeit ist diese Fähigkeit, auch aus Zeitmangel, und anderen Gründen verlorengegangen. Während meiner med. internistischen Tätigkeit ist mir aufgefallen, wie viele schwere psychosomatischen Erkrankungen, auf diese Unfähigkeit zurück zu führen sind. Posttraumatische Belastungsstörungen, eine häufig gestellte Diagnose in der Psychosomatik und Psychiatrie, lassen in der Vorgeschichte solche unbewältigten Ereignisse finden. Durch das Erinnern und die geeigneten Methoden der Nachberarbeitung und des Nachtrauerns, kann viel Schmerz und sozialer Rückzug, rückgängig gemacht werden und der Mut zu einem Neubeginn auf einem höheren menschlichen Niveau erreicht werden. Das Phänomen der zunehmenden Ängste und Depressionen in der Gesellschaft, sind ebenfalls sehr häufig durch solche nicht bewältigten Ereignisse bedingt. Niemand hat Zeit einschneidende schmerzhafte Ereignisse zu verarbeiten. Wir müssen einfach weiter funktionieren.
Daher werden sie heute, in einer diesseits und leistungsorientierten Welt, unbewältigt in das persönliche Unbewusste abgeschoben und "scheinbar" bewältigt. Medikamente tun ihr Übriges dazu. Dadurch werden eher (Schmerzvermeidung ist ein natürlicher Vorgang) zunehmende Vermeidungsstrategien erlernt, bis ein normales, menschlich befriedigendes Leben nicht mehr möglich ist, weil es zu einer zunehmenden emotionalen Schwingungsunfähigkeit und Erstarrung kommt, die auch die anderen Gefühlsqualitäten, wie Freude und Wut, lähmen. Es herrscht dann alleine die Angst. Die Summe des so innerlich angesammelten Schmerzes, ergibt, zusammen mit der zunehmenden inneren Hilflosigkeiten, einen sehr gefährlichen Teufelskreis, der in eine schwere seelische Krankheit münden kann. Auf die somatische Ebene verschoben, können schwere Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Immundefekte und Erkrankungen der inneren Organe entstehen. Chronische Selbsttötung (unbewusst) durch Drogen, Medikamente, Alkohol und Zigaretten sind die Folge. Die Trauerarbeit, die ich anbiete, setzt umgekehrt an den in jedem Menschen kollektiv verankerten Bewältigungsstrategien an, erhöhen die Kraft der Fähigkeit zur Erinnerung und den Mut, im Schutz der Begleitung, angesichts des Dramas neue Selbstsicherheitsstärkende Erfahrungen zu machen.
In der Trauerarbeit werden immer die tiefsten Erfahrungsbereiche unseres Menschseins angerührt. Sinnfragen und spirituelle, ja auch mystische Erfahrungen, jenseits unserer Vernunft werden angesprochen und Rituale und Meditationen angeboten.
Wesentlich ist auch zu verstehen, in welcher Phase der Trauer ich mich befinde und welche Bedeutung der Prozess für mich in meinem Leben hat. Dabei ist es auch nicht unwichtig, die Lebenstufe und den Lebensabschnitt, in dem das Ereignis ist oder war einzubeziehen. Trauerarbeit hat für einen über 60- jährigen einen anderen Inhalt, wie für eine 18- jährige. Für meine Arbeit gehört das Umfeld, die Reaktion der anderen, nahen im Umfeld dazu. Somit werde ich auch immer eine systemische Betrachtungsweise einbringen und die entsprechenden Partner einbeziehen. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Trauerarbeit müssen oft erklärt werden, damit nicht tiefe Gräben zwischen den Partnern entstehen können.
Auch die Kinder werden einbezogen, sind sie doch oft diejenigen, die auf eine natürliche Art oft besser damit umgehen können, wie wir sogenannten Erwachsenen.
Aufstellungsarbeit, Abschiedsrituale, aktive Imaginationen und Meditationen mit inneren Reisen, die Deutung von Träumen oder von psychosomatischen Erscheinungen haben ebenso ihren Platz, da sie aus meiner langjährigen medizinischen Erfahrung dazugehören. Nichts ist verrückt oder ungewöhnlich, was sich im Rahmen eines Trauerprozesses ereignet, nur weil wir damit nicht umzugehen gelernt haben. Jahrelange Trauer- und Sterbebegleitung haben mich gelehrt, dass in diesem Grenzbereich unseres Menschseins, die wesentlichen Dinge geschehen, die wohlverstanden und integriert, zur Personalität und Transpersonalität beitragen. Geleistete Trauerarbeit ist ein erheblicher Gewinn auf allen Ebenen. Deswegen gehört für mich diese Arbeit zu meinen wichtigsten Möglichkeiten und Herausforderungen. Trauer und Abschied ist für mich als 1943- Geborener immer ein wesentlicher Aspekt meines Lebens gewesen. Ohne fremde Hilfe und die intensive Trauerarbeit wäre ich heute sicher nicht mehr so lebensfroh und diesseitsbezogen und immer noch sehr neugierig und wissbegierig.

